Authentisch ist gut, wenn es um ein Ferienhaus in der Provence, Olivenöl und Liebeserklärungen geht (und auch nicht immer). Aber im Umgang mit Kunden ist authentisch im Sinn von „einfach man selbst sein“ nicht der beste Rat.
Authentisch sein
Echt sein ist gut, aber Verstand und Takt reden mit.

„Sei einfach du selbst“ scheint der Overall-Ratschlag zu sein, mit dem man nichts falsch machen kann, und woran nur Kleingeistige etwas auszusetzen hätten. Natürlich gibt es aber nicht immer einen Pokal dafür, nur weil man sich so gibt, wie einem gerade ist.

Authentisch ist nämlich auch das: 

  • Eine Kollegin kommt ins Büro, mürrisch und grußlos. Sie ist kein Morgenmensch und verbiegt sich eben nicht. 
  • In einem Beratungsgespräch faltest du den Kunden zusammen: er ist dir mehrfach ins Wort gefallen, obwohl du gerade etwas erklärst. 
  • Du informierst eine Kundin über deinen gestiegenen Stundensatz und erklärst ihr ausführlich, dass du seit der Scheidung mehr Kosten hast.
  • In einem Telefonat erzählte mir einmal eine Sachbearbeiterin ausführlich und entnervt, wie froh sie ist, wenn sie sich nicht mehr mit diesem Fall beschäftigen muss. 

Das führt oft dazu, dass man nicht ernst genommen wird. Einfach immer man selbst sein ist also eine schlechte Idee. Im Unternehmen, als Selbständige und als Angestellter.

Rücksicht auf andere, Takt und Verstand entscheiden meistens mit, wie wir uns verhalten und wie wir reden, und das ist gut so!

Wieso wollen alle authentisch sein?

Natürlich sind oben genannten Beispiele nicht unbedingt das, woran die meisten denken, wenn sie „authentisch sein“ sagen. Dauerlächeln und Negatives nie anzusprechen macht keinen Spaß und kann zermürbend sein.

Und man fühlt sich unwohl mit Menschen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie eine Maske tragen und ihre Gesten und Sprache einstudiert wirken. Das wirkt unecht und macht misstrauisch – ich gehe auf Abstand, wenn ich das Gefühl habe, man macht mir etwas vor.

Hier geht es nicht darum, dass man ein Leben leben soll, dass nicht zu einem passt – sondern vor allem darum, dass „authentisch sein“ im Businessleben nicht der Trick ist, der alle Türen öffnet.

Wenn man sich umsieht, scheint das aber so zu sein:

Es gibt einen Authentizität-Overkill. Man könnte meinen, jederzeit einfach man selbst zu sein ist das erstrebenswerteste, das es im Leben gibt.

„Ich bin genau richtig, so wie ich gerade bin. Wem das nicht passt, der kann gerne weitergehen.“

Als Antwort auf ungerechtfertigte Erwartungen anderer verständlich, aber als allgemeingültigen Ratschlag im Businessleben wirkt das arrogant und unerfahren, vielleicht sogar gekränkt und überfordert.

Konsequent zu Ende gedacht würde ein bedingungsloses „ich gebe mich, wie ich bin“ nämlich bedeuten:

„Ich will mich nicht verbessern. Ich lasse mich nicht formen. Die Auswirkungen meines authentischen Redens nehme ich in Kauf, ich brauche andere nicht.“

Natürlich will das kaum jemand so rigoros durchziehen. Denn jeder lässt sich beeinflussen oder sogar manipulieren, wir leben ja mit anderen Menschen zusammen.

Nicht vergessen: viele Menschen verdienen in der Onlinebusinesswelt Geld damit, dass sie anderen einreden, was das Leben besser und lebenswerter macht. Und vor allem, dass sie als Coach dazu geeignet sind, dir das für gutes Geld beizubringen.

Wieso du nicht (immer) authentisch sein solltest

Beispiele, wo wir (fast) alle nicht authentisch sind:

  • Interessiert es dich immer, was dir deine Freunde erzählen?
  • Nervt dich manchmal ein Kunde oder Mitarbeiter?
  • Wäre es dir lieber, wenn in der Bahn keiner neben dir sitzen würde?

Die wenigsten von uns würden hier ganz authentisch reagieren. Nicht nur aus Rücksicht auf andere, sondern ganz stark auch im eigenen Interesse: wir wollen eine Beziehung oder unseren Ruf nicht ruinieren oder einen Auftrag bekommen.

Und nur aus dem Wunsch nach bedingungsloser Authentizität heraus würden wir auch nicht in einem Beratungsgespräch erzählen, wie schwierig dieser Auftrag für uns sein wird, weil wir noch nicht viel Erfahrung haben. Lügen und anderen etwas vortäuschen muss man dafür lange nicht. Dazu hat Sandra Holze einen interessanten Beitrag zum authentischen Marketing. Darin wird auch ein tolles Beispiel der Firma Patagonia erwähnt. Authentisches Marketing ist auch Werte konsequent beizubehalten und nicht kopflos authentisch zu reagieren.

„Meine Mutter hat gesagt, ich soll einfach ich selbst sein“, sagte Gregs Freund in „Gregs Tagebuch“.

„Das wäre ein wundervoller Rat, wenn du jemand anders wärst“, antwortet er. 

Das klingt nicht nett, aber du weißt ja, was gemeint ist.

Im oben genannten Sinn authentisch sein (also sich jederzeit so geben, wie einem gerade ist) wird manchmal für Ärger sorgen und macht dein Businessleben mit Sicherheit nicht einfacher.

Also nicht authentisch sein?

Ehrlich sein statt immer man selbst sein

Meiner Meinung nach hat sich das Wort „authentisch“ leider abgenutzt und ich verwende es nur noch selten.

Ich habe einmal auf Instagram ein albernes und ungünstiges Bild einer Selbständigen gesehen mit der einzigen Caption „Einfach mal authentisch sein!“ Und was genau soll das bringen?

In diesen Fällen wäre authentisch sein sinnvoll und auf Dauer zielführend:

  • Als Unternehmerin etwas anders tun, als man im Internet gerade sagt, wenn es nicht zu dir passt.
  • Einen Auftrag nicht um jeden Preis bekommen wollen, wenn man merkt, mit dem Kunden passt es nicht. 
  • Nicht unehrlich beim eigenen Angebot sein.
  • Die eigenen Werte behalten, auch wenn gerade etwas anderes leichter wäre.
  • Tun, was du versprichst.

Das bringt Glaubwürdigkeit und schafft Vertrauen – unprofessionelles Verhalten und Unhöflichkeit wird keiner als „authentisch und deshalb gut“ adeln.

Authentische Kommunikation und Marketing

Als Unternehmen im oben genannten Sinn authentisch und echt aufzutreten bringt etwas, da Vertrauen entsteht.

Sind „professionell klingende Texte“ notwendig, um auf deiner Website bestmöglich präsentiert zu werden? Lieber nicht, wenn sie dadurch schwer verständlich werden. Die Aufmerksamkeitsspanne bei Online-Texten wird kürzer. Und deine Texte sollen ja vor allem Kunden anziehen und überzeugen!

Wirksame Texte für dein Marketing sind echt, nahbar und glaubwürdig. Also besser keine lange Liste von Fakten, sondern Informationen, die Menschen wirklich interessieren. Um das zu erreichen braucht es nicht Worte, die nur von Experten verstanden werden und offiziell wirken, sondern Texte, die Leser auch emotional zu erreichen. Zum Beispiel durch Storytelling. Dazu ein anderes Mal mehr.

Was meinst du? Wann ist „authentisch sein“ für dich wichtig?